Fakten zu Biologie, Monitoring und Management des Luchses in Bayern

 

 

27.02.2018 - Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Vortragsraum im LBV-Zentrum Mensch und Natur in Nößwartling! Unter ihnen eine erfreulich große Anzahl von Jägern, auch aus dem Lamer Winkel! Dies allein zeigt, dass das Thema Luchs nach wie vor hoch aktuell im Landkreis ist und dass der von der LBV-Kreisgruppe initiierte Vortrag zum richtigen Zeitpunkt kam.

Erfreulich viele Jäger hatten sich im LBV-Zentrum eingefunden. - Foto: LBV
Erfreulich viele Jäger hatten sich im LBV-Zentrum eingefunden. - Foto: LBV
Der Referent Markus Schwaiger lieferte wissentschaft abgesicherte Fakten. - Foto: Chamer Zeitung
Der Referent Markus Schwaiger lieferte wissentschaft abgesicherte Fakten. - Foto: Chamer Zeitung

 

 

LBV-Kreisvorsitzender Karl-Heinz Schindlatz stellte zu Beginn den Besuchern den Referenten des Abends Herrn Diplomingenieur Markus Schwaiger aus Bodenmais vor, der langjähriger Mitarbeiter des Luchsprojekts Bayern ist. In einem rund einstündigen Vortrag informierte der Referent über belegbare, wissenschaftlich abgesicherte Fakten zu den Themenbereichen Biologie, Monitoring und Management des Luchses im Bayern. Da die Bestandssituation des Luchses in der zentraleuropäischen Region keinesfalls nur auf Länderebene betrachtet werden könne, wird das Luchsprojekt für die nächsten drei Jahre im Rahmen des 3Lynx-Projekts weitergeführt. 3Lynx ist ein Länder übergreifendes Kooperationsprojekt zum Schutz und Erhalt des Luchses. Hier fließen auch Erkenntnisse aus Tschechien und Österreich mit ein. Deutsche Projektpartner im 3Lynx sind das Bayerische Landesamt für Umwelt (BayLfU) und der WWF. Letzterer vertritt im Projekt die sogenannte Trägergemeinschaft, bestehend aus Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Wildland-Stiftung Bayern und WWF. Dieses Luchsprojekt hat unter anderem die Aufgabe, den tatsächlichen Luchsbestand und Populationsveränderungen möglichst genau zu erfassen, die Akzeptanz gegenüber dieser geschützten Tierart zu fördern.

 

 

Wie viele Luchse leben wirklich in Bayern? - Foto: Dieter Renner
Wie viele Luchse leben wirklich in Bayern? - Foto: Dieter Renner

 

 

Markus Schwaiger berichtete, dass der Luchs bereits im 19. Jahrhundert durch menschliche Verfolgung bei uns ausgerottet wurde. In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden im Bereich des heutigen Nationalparks Bayerischer Wald fünf bis neun Tiere ausgesetzt, ohne Jäger und Nutztierhalter davon in Kenntnis zu setzen. Zwischen 1982 und 1987 wurden dann im Sumava-Nationalpark auf tschechischer Seite 17 weitere Tiere frei gelassen. Dies war der Grundstock der aktuell im bayerisch-tschechisch-österreichischen Grenzgebiet vorkommenden Luchspopulation.

 

Die Anzahl der momentan im Bayerischen Wald vorkommenden Luchse ist nach wie vor ein heiß diskutiertes Thema. Der Referent gab an, dass es durchaus schwierig sei, den Bestand der Luchse genau zu erfassen. Aber mit den im gesamten Untersuchungsgebiet vom Dreiländereck im Südosten bis Waldmünchen im Nordwesten und darüber hinaus aufgestellten Fotofallen habe man mittlerweile wissenschaftlich abgesicherte Zahlen. Dabei spielt es eine Rolle, dass man Luchse aufgrund ihrer Fellzeichnung eindeutig wiedererkennen kann.

 

 

 

Mit Hilfe des Fotofallen-Monotorings kann man die Anzahl der Luchse im Untersuchungsgebiet relativ genau erfassen. - Foto: Luchsprojekt Bayern
Mit Hilfe des Fotofallen-Monotorings kann man die Anzahl der Luchse im Untersuchungsgebiet relativ genau erfassen. - Foto: Luchsprojekt Bayern
Anhand ihrer Fellzeichnung kann man die Luchse eindeutig wiedererkennen. - Foto: Luchsprojekt Bayern
Anhand ihrer Fellzeichnung kann man die Luchse eindeutig wiedererkennen. - Foto: Luchsprojekt Bayern

 

 

Das Revier eines Luchsmännchens ist zwischen 150 und 400 Quadratkilometer groß. Darin sind in der Regel die Reviere von zwei Luchsweibchens integriert. Die im Untersuchungsgebiet festgestellten Reviere präsentierte Markus Schweiger anhand einer Karte. Demnach leben im Bayerischen Wald und im südlichen Oberpfälzer Wald derzeit 20 standorttreue adulte Luchse. Hinzu kamen im letzten Erfassungsjahr 15 Jungtiere, vier subadulte Luchse und 17 dispersierende, also in der Abwanderung befindliche Luchse. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass 33 der 41 erfassten unabhängigen Luchse grenzüberschreitend unterwegs sind, ihre Streifgebiete sich also auch in Tschechien und/oder in Österreich befinden.

 

Auch wenn andere Tierarten wie Mufflon, Rotwild, Fuchs, Marder, Hasen nicht verschmäht werden, ist die Hauptnahrung der Luchse eindeutig das Rehwild. In etwa 50 Rehe pro Jahr erbeutet ein erwachsener Luchs. Probleme mit Nutztieren gibt es dagegen nur selten. Das belegen die dafür vorgesehenen Ausgleichzahlen, die in den letzten 15 Jahren bayernweit im Durchschnitt nur 470€ betrugen. Das Spektrum möglicher Beutetiere zeigte Markus Schwaiger mit Bilder aus den Fotofallen. Nicht wenige Zuhörer waren doch sehr überrascht, was da so alles vor die Kamera geriet. Vom Baum- und Steinmarder über Waschbaren bis zum Auerhahn war da alles dabei.

 

Eine Meldeprämie von 50€ gibt es auch für die Jagdrevierinhaber für nachgewiesene Rehrisse. Es ist allerdings davon auszugehen, dass nur ein geringer Anteil der tatsächlichen Rehrisse aufgefunden wird.

 

Sehr zu denken gaben die Ausführungen des Luchsfachmanns zur Lebensdauer der Luchse. Üblicherweise behauptet ein Luchs 10 bis 15 Jahre sein Revier. Im Kaitersberg-Arbergebiet überlebten in den letzten 10 Jahren adulte Luchse, nachdem sie ihr Revier etabliert hatten, anhand der belastbaren Daten des Fotofallenmonitorings im Durchschnitt gerade einmal 17 Monate. Das habe mit einer natürlichen Mortalität nichts zu tun. Die Folge davon sei, dass Jungluchse, die mit etwa 10 Monaten das Revier der alleinerziehenden Mutter verlassen, gar nicht weit wandern müssen, da sie im Untersuchungsgebiet mehr oder weniger problemlos auf unbesetzte Reviere treffen und sich dann dort niederlassen. Eine Ausbreitung der Luchse ist dann nicht möglich, da der notwendige Populationsdruck nicht vorhanden sei. Zudem sei dadurch ein genetischer Austausch mit anderen Luchspopulationen im Harz, in den Alpen oder in osteuropäischen Luchslebensräumen nicht möglich. Die Frage, ob die Luchspopulation im Bayerischen Wald unter den gegebenen Umständen langfristig überlebensfähig sei, beantwortete der Referent mit einem klaren Nein!

 

 

Fruchtbare Diskussion

 

 

In der anschließenden insgesamt sehr sachlich geführten Diskussion verwerten sich die Jäger dagegen, dass sie pauschal als "Luchsmörder" diffamiert wurden. 99,9% aller Jäger seien das sicher nicht. Auch Markus Schwaiger legt für 8 von 10 der ihm bekannten Jäger die Hand ins Feuer. Er vertrat die Meinung, dass eine Lösung des Problems nur möglich sei, wenn Jäger und Naturschützer aufeinander zu gehen und bei auftretenden Problemen gemeinsam nach Lösungen suchen.

 

Dr. Aschenbrenner, ehemaliger Leiter des Bayerwald -Tierparks in Lohberg, warf ein, dass viele grenzüberschreitende Tiere möglicherweise im benachbarten Tschechien "verschwunden" sein könnten, da dort die Luchse mit weit weniger Skrupel bejagt werden würden.

 

Jäger fragten nach, wie es möglich sei, dass bei der geringen Anzahl von Luchses in eigenen Fotofallen im Lamer Winkel 13 verschiedene Luchse nachgewiesen worden seien. Markus Schwaiger versuchte diese Frage schlüssig zu erklären. In Gebieten, in denen Luchsreviere aneinandergrenzen und sich dort auch etwas überlappen, ist es theoretisch möglich, dass eine vielleicht größere Anzahl von Luchsen in Fotofallen gerät. Zumal ja auch zeitweilig Jungtiere vorhanden sind und territorial ungebundene Luchse kurzzeitig durch das Gebiet ziehen können. Er verwies aber auch darauf, dass die bekannten Luchse, die den Lamer Winkel als Lebensraum nutzen, große Gebiete außerhalb dieses Bereichs bestreifen und somit "sicherlich nicht die ganze Zeit nur im Lamer Winkel sitzen".

 

Jäger berichteten weiterhin, dass es in Revieren, in denen auch der Luchs beheimatet ist, es sehr schwierig ist, die staatlichen Abschusspläne zu erfüllen. Diese müssten in solchen Revieren gesenkt werden. Diese Forderung fand schon mal die Zustimmung der anwesenden Naturschützer.

 

Weitgehende Einigkeit bestand auch darin, dass Jäger, in deren Revieren auch Luchse leben, nicht nur dann eine Meldeprämie erhalten, wenn zufällig ein Rehriss entdeckt wird. Hier wären z.B. eine Minderung der Jagdpacht, angepasste Abschusszahlen oder pauschale Zahlungen nach der Zahl der im Revier dokumentierten Luchse ein akzeptabler Lösungsansatz für die Jäger.

 

Auch die Forderung der Jäger, die in den Staatswäldern durchgeführte Wald-vor-Wildpraxis abzuändern, traf auf Verständnis. Die Situation im Lamer Winkel stellt sich so dar, dass der Wald in den Höhenlagen meist in staatlichem Besitz ist. Dort sind aufgrund der intensiven Bejagung meist nur wenige Rehe vorhanden, so dass die Luchse zur Beutesuche dann in die tiefer liegenden Privatwälder ausweichen.

 

Nachdem in erfreulich vielen Punkten Jäger und Naturschützer eigentlich am gleichen Strang ziehen, darf man die LBV-Veranstaltung mit Recht als einen Schritt des Aufeinanderzugehens bezeichnen. Das ist die einzige Möglichkeit langfristig zu einer Lösung des Problems zu kommen.

 

 

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