Fledermäuse in Kirchen - ein Monitoring im Landkreis Cham

Großes Mausohr (Foto: Wolfgang Nerb)
Großes Mausohr (Foto: Wolfgang Nerb)
Fransenfledermaus (Foto: Dr. Zahn)
Fransenfledermaus (Foto: Dr. Zahn)

Im Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" von Victor Hugo spielt Anthony Quinn unnachahmlich die tragische Figur des Quasimodos. Mehr taub als hörend bewohnt er die Turmspitzen des Pariser Wahrzeichens. Ein Bild, das einen unweigerlich bei dieser LBV-Kartierung, -übrigens finanziert von der Glücksspirale-, verfolgt. Zum dritten Mal schwang sich das Team des LBV-Zentrums Mensch und Natur in Nößwartling in die Höhen der "Landkathedralen". Begleitet von Metallhämmern, die auf geheime Legierungen schlagen oder Klöppel, die das Innere der Glocken zum "Schwingen und Klingen" bringen. Auf alle Fälle kein wünschenswerter Dauerzustand zum Wohnen. Wenn die Glocken schwingen sind 100 dzB keine Ausnahme. Das halten nur hartgesottene Heavy Metal Fans aus. Die Fledermäuse gehören scheinbar dazu. Zudem läuft beim Läuten ein kleines Erdbeben durch den Glockenstuhl... .

Und trotzdem wohnen dort diese hörsensiblen Wesen der Nacht. Kirchen sind sogar Kinderstuben, Paarungsquartiere und Junggesellenplätze. Warum sind sie dann so rar geworden unsere heimischen Fledermäuse, wo sie doch offensichtlich einiges aushalten können? Die "Rote Liste" spiegelt dies ebenfalls wider. Ein Großteil unserer heimischen Arten hängt an "stark gefährdeten" oder ähnlichen grausamen Einstufungen.

Der Grund ist wie fast immer und überall derselbe: Weniger Energie zu verbrauchen als bei der Jagd nach Nahrung auszugeben. Das Nachhaltigkeitsprinzip funktioniert auch bei den Fledermäusen nicht mehr. Mehr verbrauchen als bekommen gibt es nicht. Bittere Konsequenz dafür ist das Abnehmen der Populationen und Arten. Nur Schuld daran sind sie nicht. Im Unterschied zu uns Menschen können sie nur nachhaltig leben (Wir versuchen zur Zeit immer noch das Gegenteil). Der Insektenreichtum unserer Landschaft hat massiv abgenommen. Nächtliche Autofahrten beweisen dies eindringlich. Waren früher die Scheiben von Zweiflüglern und Co übersäht, ist heute jede Nachtfahrt eine "saubere Sache". Eine Folge unseres kulturlandschaftlichen Einheitsbreis: Einheitsgrüne Maisäcker jagen die grasgrünen Grasäcker.

Neben diesen Problemen kommen allerdings bei den Fledermäusen noch zusätzlich Wohnungsprobleme hinzu. Kontinuierliches Glockenläuten oder Vibrationen sind kein Problem. Schallfenster vergittern, Feuerschutztüren einbauen oder Hinterlüftungen anbringen sind dagegen der Graus für die Fledermaus.

Die Auswertung des 3. Durchgangs im Rahmen des Kirchenmonitorings spricht da Bände. 1990, 2002 und 2011 können nun mittlerweile betrachtet werden. 20 Jahre Einblicke in die Kirchen und ihre nächtlichen Bewohner. 124 mal ging es die Treppen 2011 hoch und runter, über Glockenstühle hinweg und immer wieder das schöne Gefühl in Fledermauskot und Staub und Spinnweben zu greifen - glücklich wer da fliegen kann. Das Ergebnis: Immer noch ist das Glück dieser Tiere den meisten Verantwortlichen scheinbar egal. Abgesehen von ein paar leidenschaftlichen Ausnahmen, die "ihre" Fledermäuse lieben und ein waches Auge darauf haben. Die Auswertung der Daten sprichthier Bände: läuft gerade und der Trend sagt, dass immer noch in jeder 3. Kirche eine negative Entwicklung stattfindet. Vergitterungen zum Schutz vor Tauben bzw. deren Hinterlassenschaften sind immer noch an der Tagesordnung. Dass dabei grundsätzlich auch die Fledermäuse mit ausgesperrt werden scheitert am Interesse oder der Bequemlichkeit. 

Der Einbau von Flugschlitzen macht ja doch nur Aufwand und kostet Zeit und Geld. Und wenn der Schreiner schon mal im Hause ist, dann gleich noch eine kleine Feuerschutztür aus Eiche, massiv natürlich, zwischen Turm und Schiff einbauen - Gesetz ist ja Gesetz- Feuerschutz und so. Auch hier wird natürlich gewissentlich vergessen, dass hinter der neuen und undurchdringlichen Türe jemand wohnt oder wohnte. Selbst bei offiziellen Renovierungsmaßnahmen mit Behördeninfo und Co ist das Ergebnis oftmals niederschmetternd. Zuerst kommt natürlich die Kirche (als Bauwerk). Die muss mindestens noch 500 Jahre stehen und ohne zugigste Hinterlüftungen geht das niemals. Bekanntermaßen sind unsere Fledermäuse aber eher Liebhaber der Wärme und schätzen ein beständig molliges und zugfreies Mikroklima. Man fragt sich manchmal, ob hier purer Zynismus am Werk ist "Du darfst ja gerne hierbleiben liebe Fledermaus, du musst dich halt nur an die neuen Wohnverhältnisse anpassen!" oder hinkt der Naturschutz doch soweit hinterher, dass die zuständigen Damen und Herren aus reiner Unwissenheit das Beste wollen und für die Fledermäuse das Schlechterste erreichen.

Ich hoffe Zweites! Was ein altbekanntes Problem zu Tage bringt. Der Naturschutz, egal ob behördlich oder verbandsmäßig, leidet gnadenlos an Personal- und Geldmangel. Wer kann sich hier schon die Zeit für Gespräche und Aufklärung nehmen, wenn man gleichzeitig an sämtlichen Fronten im Einsatz ist?!

Naturschutz braucht wie immer den "langen Atem" und der wird immer wieder -Gott sei Dank- mit Erfolgen versüßt. Nicht zuletzt zeigen einige Beispiele aus der Kartierung, dass es auch anders geht. Alleine der Anblick von 60 Braunen Langohren, die den Kartierer mit ihren unglaublichen Megaohren und ihren hübschen und witzigen Gesicht anschauen ist den Einsatz im Naturschutz schon wert. Und wenn es dann auch noch in einer frisch renovierten Kirche passiert, dann umso besser. Es geht immer wenn man will, es müssen nur verständnisvolle Menschen zum Reden zusammen kommen.

Zum Schluss deshalb noch ein Dankeschön an all jene Mesnerinnen, Mesner, Kirchenpfleger (hier gab es keine Frauen) und Pfarrer und die vereinzelten Pastorinnen im Bay. Wald, die mit Zeit und Verständnis die Kartierung unterstützten.

Insgesamt ist festzustellen, Kirchen sind für Fledermäuse im Landkreis Cham ein vielfältiger und wertvoller Quartiertyp. Diese Quartiere gilt es zu erhalten und dort wo sich negative Entwicklungen aufgrund baulicher Maßnahmen abspielen entgegen zu treten. Eigentlich eine leichte Möglichkeit, wenn man(n) Zeit hätte. Die Bewahrung der Schöpfung ist für unsere Kirche ein Auftrag Gottes. Die Kirchenhäuser könnten dazu ihr Scherflein beitragen.

 

 

Festgestellte Arten im Rahmen des Monitorings:

Großes Mausohr, Braunes und Graues Langohr, Zweifarbfledermaus, Bartfledermaus spec (kein Fang zur Artbestimmung möglich), Zwergfledermaus und Wasserfledermaus

© Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.
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