EU-Projekt zur Satellitentelemetrie der Wachtelkönige


Ornithologisch, musikalisch und kulinarisch auf allerhöchstem Niveau

 

Zu einer musikalischen und kulinarischen "Reise mit dem Wachtelkönig" hatte der Kreisverband Cham des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) am Samstagabend in den Glasanbau des LBV-Zentrums Mensch & Natur in Nößwartling eingeladen. Der musikalische Part oblag der Kammermusik Bad Kötzting mit Barbara Rautenberg, Dr. Wolfgang Weinzierl und Dr. Christoph Rautenberg (alle Violine), sowie Stefan Tscherney (Violoncello) mit Stücken, die jeweils dem Land entsprachen, das gerade im Vortrag von LBV-Geschäftsführer Markus Schmidberger angesprochen wurde. Dass die so verlockend klingende Einladung einen sehr ernsten Hintergrund hat, war den gut dreißig Gästen des Abends aber durchaus bewusst, denn im Vortrag ging es um die Erkenntnisse eines Projekts zur weltweiten Satellitentelemetrie des Wachtelkönigs.

 

 

Barbara Rautenberg, Dr. Wolfgang Weinzierl, Dr. Christoph Rautenberg und Stefan Tscherney begleiteten die kulinarische Reise mit dem Wachtelkönig musikalisch (von links). - Foto: Johann Gruber
Barbara Rautenberg, Dr. Wolfgang Weinzierl, Dr. Christoph Rautenberg und Stefan Tscherney begleiteten die kulinarische Reise mit dem Wachtelkönig musikalisch (von links). - Foto: Johann Gruber

 

Im Gegensatz zur Wachtel (wissenschaftlicher Name: Coturnix coturnix), die zur Ordnung der Hühnervögel und zur Familie der fasanenartigen Erdwachteln gehört, ist der Wachtelkönig (Crex crex) als Vogel in der zur Familien der Rallen gehörenden Ordnung der Kranichvögel klassifiziert und eine der bedrohtesten Vogelarten in Mitteleuropa, die in der EU strengen Schutzkriterien unterliegt. Trotzdem verschwinden die Bestände, was nur versierten Vogelschützern auffiel - ist er doch für unsere Augen unsichtbar und nur spät in der Nacht durch eigentümliche Rufe zu entdecken. Die Gründe für das Aussterben sind das Verschwinden seiner natürlichen Lebensräume und die landwirtschaftliche Intensivierung seines Ersatzlebensraums Wiese.

Forschungsprojekt mit Satellitentelemetrie

Der Geschäftsführer des LBV-Zentrums Mensch & Natur, Markus Schmidberger, begrüßte die Gäste und fungierte als Referent des Abends. - Foto: Johann Gruber
Der Geschäftsführer des LBV-Zentrums Mensch & Natur, Markus Schmidberger, begrüßte die Gäste und fungierte als Referent des Abends. - Foto: Johann  Gruber

 

Deshalb wurde in den Jahren 2012 bis 2015 ein gemeinsames Forschungsprojekt des Zoologická a botanická zahrada města Plzně (Zoo Pilsen), tschechischer Ornithologen und der LBV-Kreisgruppe Cham durchgeführt, das von der Europäischen Union mit 120.000 Euro kofinanziert wurde. „Warum kosten Nachtspaziergänge, um den Vogel zu hören, so viel Geld?“, wird gefragt, so Schmidberger. Der Grund ist einfach. Nur in der kurzen Zeit der Balz weiß man, wo sich die Tiere befinden. Wenn die Rufe zu Ende gehen, sind sein Vorkommen und seine Lebensweise für uns größtenteils noch ein Buch mit sieben Siegeln. Wie kann man nun diesen Wiesengeist außerhalb der Balz finden, um sein Leben besser verstehen zu lernen? Die Technik macht es möglich und die ist teuer: Die Wachtelkönige wurden mit extrem kleinen und extrem leistungsfähigen Satellitensender versehen (4,7 Gramm, Kosten pro Sender rund 4.000 US-Dollar). Diese Sender gaben alle 50 Stunden für rund 12 Stunden ein Signal, mit dem die Tiere geortet werden konnten. Somit war es möglich, die Vögel flurnummernscharf in den Wiesen zu verfolgen. Ein weiterer Vorteil der Satellitentelemetrie ist die Möglichkeit, die Vögel über große Distanzen verfolgen und beobachten zu können. Ihre Wanderungen in Europa oder auf dem Zug nach Afrika, ihre Rastplätze, ihr Überwinterungsgebiet, Aufenthaltszeiten, etc. lagen bisher im Dunklen der Feldforschung.

Die Wachtelkönige hatten mit ihrem hochtechnisierten „Rucksack“ zur Ortung keinerlei Probleme. - Foto: Johann Gruber
Die Wachtelkönige hatten mit ihrem hochtechnisierten „Rucksack“ zur Ortung keinerlei Probleme. - Foto: Johann Gruber
Markus Schmidberger war beim Satellitentelemetrieprojekt Wachtelkönig als Experte mit eingebunden und kommentierte die Ergebnisse aus erster Hand. - Foto: Johann Gruber
Markus Schmidberger war beim Satellitentelemetrieprojekt Wachtelkönig als Experte mit eingebunden und kommentierte die Ergebnisse aus erster Hand. - Foto: Johann Gruber

 

 

Alleine hätte die LBV-Kreisgruppe Cham niemals so ein Forschungsprojekt von internationalem Rang und Bedeutung stemmen können. Im Gegenteil, initiiert wurde es von befreundeten tschechischen Ornithologen, führend seien hier Jiří Vlček (Feldforschung) und Lubomir Peschke (Technik) genannt, so der Referent.

 

Schmidberger erläuterte die technische Seite des Projekts und stellte die acht tschechischen Wachtelkönige (Adam, Bohumil, David, Eda, Goli, Ivan, Jakub, Karel) sowie die drei deutschen (Chris, Fritz, Heinrich) und ihre Fang- und Senderanbringung, Zeitpunkt der Mahd, Verhalten in heimatlichen Gefilden, Abflug (Migration), Ende des PTT-Signals, Zahl der Beobachtungstage, Position der letzten Ortung und zurückgelegt Entfernung vor. Bei Wachtelkönig Chris war nach zwei Wochen am 5. Juni 2013 Signalende. Zweieinhalb Monate später gab der Sender wieder Signale, so dass der verweste Vogel und sein teuerer Sender gefunden werden konnten. Mit diesem startete am 4. Juni 2015 dann "Ersatzvogel" Lubo von Cham aus nach Česká Lípa (deutscher Name Böhmisch Leipa) nahe der polnischen Grenze, wo er zwei Wochen blieb, dann nach Serbien flog und am 30. Juni in den Süden Afrikas aufbrach.

 

 

Kulinarische Weltreise

Diese fleißigen Helferinnen setzten die internationalen Rezepte gekonnt und schmackhaft in die Tat um: Annegret Weinzierl, Lisa Steidl, Monika Kerner, Erika Babl, Heidi Brandl, Dr. Gisela Merkel-Wallner, 2. Stellvertretende Vorsitzende der LBV-Kreisgruppe Cham, Dr. Angelika Nelson und Elfriede Kelnhofer (von links). - Foto: Johann Gruber
Diese fleißigen Helferinnen setzten die internationalen Rezepte gekonnt und schmackhaft in die Tat um: Annegret Weinzierl, Lisa Steidl, Monika Kerner, Erika Babl, Heidi Brandl, Dr. Gisela Merkel-Wallner, 2. Stellvertretende Vorsitzende der LBV-Kreisgruppe Cham, Dr. Angelika Nelson und Elfriede Kelnhofer (von links). - Foto: Johann Gruber

 

Schmidberger legte nach jedem Land in seinem Vortrag eine Pause ein, in der von fleißigen Helferinnen die von ihnen mit Bezug zu dem betreffenden Land gezauberten Gerichte aufgetischt wurden. Als erstes gab es Obatzdn auf Bauernbrot (Bayern), danach Böhmische Zwetschgenknödel (Tschechien), Gulaschsuppe (Ungarn), Ćevapčići (Kroatien), Spanakopita (Griechenland), Tawschil Hummus (Israel), Auberginen-Erdnusssalat (Sudan), Yatakelt Wot (Äthiopien), Ananassalat (Tansania) und Melonenscheiben (Sambia).

 

Der Obazda mit Brot repräsentierte Bayern und die Gulaschsuppe Ungarn. - Foto: Johann Gruber
Der Obazda mit Brot repräsentierte Bayern und die Gulaschsuppe Ungarn. - Foto: Johann Gruber
Ćevapčići sind ein kroatisches Nationalgericht. - Foto: Johann Gruber
Ćevapčići sind ein kroatisches Nationalgericht. - Foto: Johann Gruber
Die mit gehackten Erdnüssen belegten Auberginenscheiben (Sudan) schmeckten köstlich. - Foto: Dieter Renner
Die mit gehackten Erdnüssen belegten Auberginenscheiben (Sudan) schmeckten köstlich. - Foto: Dieter Renner
Simona bringt ihrem Opa Dr. Wolfgang Weinzierl den Teller mit Yatakelt Wot, einem landestypischen Gericht aus Äthiopien. - Foto: Johann Gruber
Simona bringt ihrem Opa Dr. Wolfgang Weinzierl den Teller mit Yatakelt Wot, einem landestypischen Gericht aus Äthiopien. - Foto: Johann Gruber

Kleiner Vogel verdeutlicht Umweltproblematik

 

 

Der aufgezeichnete Weg von Wachtelkönig Lubo und seiner Artgenossen wies aus, dass sie auf ihren Reisen fast ausschließlich in Naturschutzgebieten Station machten. Nationalparks bieten überall auf der Welt der Tier- und Pflanzenwelt eine Chance außerhalb intensiv landwirtschaftlich genutzter Flächen. In Afrika bringen Nationalparks oft einen Großteil der Devisen.

 

Auch im Landkreis Cham konnten drei Wachtelkönige mit den Hochleistungssendern bestückt werden, zwei aus dem Regental und einer aus dem Chambtal. Gleichzeitig mussten die Landwirte mit ins Boot geholt werden. Ein Unterfangen, das im Regental aufgrund des Naturschutzgebietes und seinem Schwerpunkt "Wiesenbrüterschutz" in der Praxis kein Problem war. Im Chambtal sah die Sache ganz anders aus. Hier gibt es nur noch auf unter 5% der Flächen aktive Vereinbarungen zum Schutz von Wiesenbrütern. Umso überraschender war dann das Ergebnis. Alle Landwirte, die rufende Wachtelkönige auf ihren Wiesen hatten, waren bereit auf ein Abmähen der Flächen bis Mitte August, Anfang September zu verzichten. Der gemeinsame Termin mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Cham, die hier Ausgleichsgelder, sogenannte Nesterprämien, kurzfristig ohne viel Bürokratie zur Verfügung stellte, war ein voller Erfolg. 650 Euro/ha sind schon viel, für einen Totalausfall in einem schlechten Heujahr aber zu wenig, Fünfjahresverträge sind für Wachtelkönigvorkommen zu unflexibel für die bayerischen "Handtuchflächen" und ohne Personal auf der Fläche und Gespräche geht gar nichts, bilanzierte Schmidberger.

 

So zeige das Beispiel des kleinen Wachtelkönigs auf, was sich beim Schutz von Umwelt und Natur an Weichenstellungen ergeben sollte. Dieser Schutz entscheidet sich auch auf unseren Tellern mit. Verbraucher, Politik, Produzenten und Handel tragen entscheidend dazu bei, welche Landwirtschaft wir wollen. Wenn alles aus dem Boden herausgeholt wird und Wiesen fünf- oder sechsmal gemäht werden, verschwinden Ameisen, Insekten und wirbellose Tiere mit den entsprechenden langfristigen Folgen. Das finanzielle Engagement des Freistaats zur Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft ist zumindest bisher so gering, dass es nicht einmal als eigener Posten im Landeshaushalt auftaucht, kritisierte Schmidberger abschließend.

 

Bericht: Johann Gruber

 

 

 

Beim musikalischen Beitrag für Sambia legte Stefan Tscherney sein Cello kurzerhand beiseite und funktionierte seine Sitzgelegenheit zur Trommel um. - Foto: Dieter Renner
Beim musikalischen Beitrag für Sambia legte Stefan Tscherney sein Cello kurzerhand beiseite und funktionierte seine Sitzgelegenheit zur Trommel um. - Foto: Dieter Renner
Als sehr gelungenen Abend lobten Roswitha und Sepp Baumann die Kombination von Information, Musik und Essgenuss. - Foto: Johann Gruber
Als sehr gelungenen Abend lobten Roswitha und Sepp Baumann die Kombination von Information, Musik und Essgenuss. - Foto: Johann Gruber
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