Der Geist in der Wiese - Auf Spuren des Wachtelkönigs

Wachtelkönig (Foto: Wolfgang Nerb)
Wachtelkönig (Foto: Wolfgang Nerb)

 

100.000,-- € kostet das gemeinsame Forschungsprojekt des Zoo Pilsen, tschechischer Ornithologen und der LBV-Kreisgruppe Cham. Sinn und Zweck des Projektes ist es, mehr über das versteckte und unsichtbare Leben des Wachtelkönigs herauszufinden und dies in handlungsorientierte Naturschutzmaßnahmen umzusetzen. Der Wachtelkönig ist einer der bedrohtesten Vogelarten in Mitteleuropa und unterliegt in der EU strengen Schutzkriterien. Trotzdem verschwinden seine Bestände. Ein Aussterben, dass nur versierten Vogelschützern bisher auffiel - ist er doch für unsere Augen unsichtbar und nur spät in der Nacht durch eigentümliche Rufe zu entdecken. Die Gründe für das Aussterben sind bekannt. Das Verschwinden seiner natürlichen Lebensräume und die landwirtschaftliche Intensivierung seines Ersatzlebensraumes Wiese. Das Projekt soll, mit seinen Ergebnissen helfen, gezielt dagegen steuern zu können, z.B. durch angepasstes Mahdregime.

 

 

Forschungskosten

Warum, werden Sie sich fragen, kosten Nachtspaziergänge, um den Vogel zu verhören, so viel Geld?! Der Grund ist einfach. Nur in der kurzen Zeit der Balz wissen wir, wo sich die Tiere befinden. Wenn die Rufe zu Ende gehen ist sein Vorkommen und seine Lebensweise für uns zum Großteil nur noch ein weißes Blatt Papier. Wie findet man nun diesen Wiesengeist außerhalb der Balz, um sein Leben besser verstehen zu lernen? Die Technik macht es möglich und teuer. Die Wachtelkönige werden mit extrem kleinen und leistungsfähigen Satellitensendern versehen (5,5 Gramm, Kosten pro Sender rund 4.000,--$, 15 Stück wurden erworben). Diese Sender geben uns alle 50h für rund 12h ein Signal mit dem wir die Tiere orten können. Somit ist es für uns möglich, die Tiere flurnummernscharf in den Wiesen zu verfolgen. Ein weiterer Vorteil der Satellitentelemetrie ist die Möglichkeit, die Vögel über große Distanzen verfolgen und beobachten zu können. Ihre Wanderungen in Europa oder auf dem Zug nach Afrika, ihre Rastplätze, ihr Überwinterungsgebiet, Aufenthaltszeiten, etc... lagen bisher im Dunklen der Feldforschung. Auch hier war das Leben des Wachtelkönigs bisher ein eher unbeschriebenes Blatt Papier.

 

 

Kooperation

 Alleine hätte die LBV-Kreisgruppe Cham niemals dieses Forschungsprojekt von internationalem Rang und Bedeutung stemmen können. Im Gegenteil, initiiert wurde es von unseren befreundeten tschechischen Ornithologen, führend seien hier Jiri Vlcek (Feldforschung) und Lubomir Peschke (Technik) genannt. Jiri Vlcek beringt seit vielen Jahren Wachtelkönige und ist ein Spezialist für diesen Vogel. Mit diesem Projekt können nun viele offene Fragen vielleicht geklärt werden. Unterstützt durch europäische Finanzmittel aus dem Ziel 3-Programm Freistaat Bayern - Tschechische Republik. starteten wir gemeinsam mit dem Zoo Pilsen das grenzübergreifende Forschungsprojekt zum Leben des Wachtelkönigs.

 

 

Feldarbeit

In den Sommermonaten von Mitte Mai bis Anfang Juli 2013 und 2014 wurden in vielen Nächten bisher 7 besenderungsfähige Wachtelkönige gefangen, die ein Gewicht über 170 Gramm aufwiesen. Daneben wurden noch etliche weitere Tiere gefangen, die aber eine Gewichtsklasse unterhalb der "170 Gramm Schwergewichtsklasse" um Reviere kämpfen und deshalb den Senderrucksack nicht bekamen. Diese Tiere wurden vermessen und zumindest beringt, bevor sie wieder freigelassen wurden.

Vögel, die einen Sender erhielten, konnten zusätzlich im Laufe des Sommers bis zu ihrem Abflug ins Winterquartier mit einem Handscanner in den Wiesengebieten in ihren Bewegungen überwacht werden. Das Signal ist nicht nur für den Satelliten zu empfangen, sondern auch für spezielle Handscanner. Im ersten Jahr der Forschung gab es nur tschechische Tiere. Erst im zweiten Jahr konnten auch im Landkreis Cham Tiere mit Sender bestückt werden. Dabei wurde ein Tier im Regental und ein weiteres im Chambtal mit dem Hochleistungssender ausgerüstet. Gleichzeitig mussten die Landwirte mit ins Boot geholt werden. Ein Unterfangen, dass im Regental aufgrund des Naturschutzgebietes und seinem Schwerpunkt "Wiesenbrüterschutz" in der Praxis kein Problem war. Im Chambtal sah die Sache ganz anders aus. Hier gibt es nur noch auf unter 5% der Flächen aktive Vereinbarungen zum Schutz von Wiesenbrütern. Umso überraschender war dann das Ergebnis. Alle Landwirte die rufende Wachtelkönige auf ihren Wiesen hatten, waren bereit auf ein Abmähen der Flächen bis Mitte August, Anfang September zu verzichten. Der gemeinsame Termin mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Cham, die hier Ausgleichsgelder sog. Nesterprämien, kurzfristig ohne viel Bürokratie zur Verfügung stellte, war ein voller Erfolg. Somit konnten die möglichen Brutgebiete bis zum Flügge werden der Jungtiere gesichert werden.

 

 

Pech und Glück

Die beiden bayerischen Tiere waren trotz der guten Ausgangssituation vom Pech verfolgt. "Chris" der Wachtelkönig aus der Regentalaue verendete in der Nähe von Michelsdorf. Der Grund dafür ist unbekannt. Ein Beutegreifer konnte Aufgrund der Überreste ausgeschlossen werden. Das Sendersignal und ein Metalldetektor der Unteren Naturschutzbehörde machte zumindest den Wiederfund des 4.000,--$ teuren Senders möglich. "Fritz" im Chambtal konnte bis zu seinem Abflug oder auch Tod per Handscanner verfolgt werden, leider aber aus technischen Gründen nicht vom Satelliten. So lange er anwesend war bis zum 15.08., "zeigte" er uns aber sein Bewegungsmuster in den Wiesen. Nach einer anfänglichen starken Treue zu seiner "Fangwiese" oder Balzplatz bzw. zur Sicherstellung seines Fortpflanzungserfolges (22.06. -17.7.), zog es ihn im Anschluss auf eine nur 0,3 ha große Fläche in ca. 1 km Entfernung. Die er dann ebenfalls bis zum 15.08. nicht mehr verließ. Das unglaubliche an der Geschichte ist, dass es sich bei der zweiten Fläche um ein LBV Grundstück handelte, das normalerweise ab 15.7. gemäht wird und bisher keine wiesenbrütenden Vogelarten beherbergte. Nur die Verfolgung von "Fritz" per Sender offenbarte uns diese Tatsache. Wahrscheinlich hatte Fritz bzw. seine "Ex" auch einen Bruterfolg. Der Nachweis von Jungvögel erhielten wir über einen Landwirt. Eine eigene Beobachtung war uns trotz intensiver Kontrolle nicht vergönnt. Die Mahd der Flächen erfolgte dann je nach Anwesendheitsstand der Wachtelkönige ab Mitte August, aktiv begleitete der LBV aktiv vom Schlepper aus den Mahdvorgang. Dabei wurde das Abmähen unter den Gesichtspunkten Mahdrichtung und Geschwindigkeit koordiniert, um keine Verluste von Tieren zu riskieren.

 

 

Urlaubsgrüße

Drei Vögel schafften bisher den Flug nach Afrika. 2013 schaffte es das erste tschechische Tier bis nach Eritrea. Hier verstummte dann der Sender. Ob Kochtopf oder Beutegreifer kann natürlich nicht gesagt werden. 2014 konnten dann Goli und Eda auf ihrer Reise verfolgt werden. Dabei flogen sie sehr schnell und zielstrebig in den Südsudan. Hier gibt es ein sehr großes landwirtschaftliches Bewässerungsprojekt (Dschazira), das scheinbar gute Rastmöglichkeiten bietet. Erst nach Wochen der Rast verließ Eda das Gebiet und flog in sein Winterquartier nach Kenia. Der Nationalpark Tsavo-West war sein Endziel. Hier piept er während des Verfassens des Artikels noch immer. Goli verschwand leider im Südsudan. Auch hier kann kein Grund dafür angegeben werden. Das Gebiet befindet sich zur Zeit in einem latenten Kriegszustand.

 

 

Wie geht es weiter ?!

2014 sollen noch weitere 7 Tiere besendert werden, drei davon im Landkreis Cham. Die Beobachtungen sollen erst eingestellt werden, wenn es keine Signale mehr von Tieren gibt. Selbst wenn das Projekt 2014 offiziell endet, werden wir den Satellitenplatz weiterhin bezahlen um wichtige Grundlagendaten zu erhalten. Möglicherweise auch durch ein Folgeprojekt. Die Ergebnisse beidseits der Grenze werden im Abschlussbericht zusammengefasst und bei einer internationalen Konferenz 2015 vorgestellt. Ein vertieftes Wissen um den Wachtelkönig, das den Schutz und die Umsetzungsprogramme für wiesenbrütende Vogelarten ergänzt und absichert. Damit soll ein zielführendes Management dieser hochbedrohten Vogelart in unserer Kulturlandschaft ermöglicht werden.

 

 

Danksagung

Die Umsetzung des Projekts war nur möglich durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Union und dem persönlichen Einsatz von Herrn Wolfgang Nerb und Herrn Heinrich Baumann von der Regierung der Oberpfalz. Ausdrücklich sei auch nochmals die sehr gute Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Cham in der praktischen Umsetzung vor Ort erwähnt.

© Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.
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