Die Regentalaue – Naturparadies zwischen Cham und Pösing

LBV-Eigentumfläche: Der Letten und Angerweiher - Foto: LBV-Archiv
LBV-Eigentumfläche: Der Letten und Angerweiher - Foto: LBV-Archiv

 

01.11.2015 Das Regental zwischen Cham und Pösing mit seinem Mosaik aus Weihern, extensiv genutzten Feuchtwiesen, Fließgewässern, Altwässern und Verlandungszonen gehört zu den wichtigsten und artenreichsten Rückzugsgebieten für seltene und gefährdete Tiere und Pflanzen in Bayern. Zu den Kernzonen des Gebietes gehören der Große Rötelseeweiher, der Kleine Rötelseeweiher, der Angerweiher mit der beeindruckenden, 300 Jahre alten Eichenallee, der Lettenweiher mit dem Erlenbruchwald, sowie Teilbereiche des Parks von Schloss Thierlstein. Durchschnitten wird das Gebiet vom Fluss Regen. Das Letten- und Angerweihergebiet und Altarme und Feuchtflächen nördlich des Regens sind Eigentumsflächen des LBV. Der Ankauf dieser Weiher und die Anpachtung des Großen Rötelsees, sowie die überregionale ornithologische Bedeutung führten bereits 1986 zur Ausweisung als Naturschutzgebiet. Im Jahr 2000 wurden diese Kernzonen in das weit größere NSG Regentalaue integriert. Es ist das größte Naturschutzgebiet der Oberpfalz.

Schatzkammer der biologischen Vielfalt

  

Auf circa 15 km2 Fläche kommen über 1000 Tierarten und 600 Pflanzenarten vor. Viele überregional bedrohte Arten haben im Regental und an den Rötelseeweihern eines ihrer letzten Rückzugsgebiete. Dazu zählen beispielsweise der Laub- und Moorfrosch, verschiedene Heuschrecken- und Libellenarten, wie die Sumpfschrecke und die Grüne Keiljungfer oder die Moorwindelschnecke, eine kleine Gehäuseschneckenart. Darüber hinaus sind die Rötelseeweiher als Standort für hoch spezialisierte Pflanzenarten, wie das Braune Zypergras, die Zypergras-Segge, die Wurzelnde Simse, den Wasserschlauch oder den Schlammling bekannt.

 

 

Außergewöhnliche Vogelwelt

 

Von herausragender Bedeutung und international bekannt wurde das Gebiet aber wegen seiner außergewöhnlichen Vogelwelt. Seit 1970 wurden 286 verschiedene Vogelarten, 139 Brutvogelarten und 147 Gastvogelarten, festgestellt. Dies entspricht 70% der bayerischen Vogelarten. Begünstigt durch die hohe Lebensraumvielfalt entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eines der arten- und individuenreichsten Vogelbiotope Bayerns. Die Liste der seltenen und hoch bedrohten Arten liest sich wie das Who is who der bayerischen Vogelwelt, angefangen vom Seeadler über den Schwarzhalstaucher, die Schwarzkopfmöwe und den Schilfrohrsänger bis hin zum Blaukehlchen. Von den 31 nach der Roten Liste Bayerns vom Aussterben bedrohten Vogelarten brüten 10 regelmäßig an den Rötelseeweihern bzw. in der Regenaue, weitere 16 Arten kommen als Durchzugsgäste bzw. unregelmäßige Brutvögel vor. Neun bayernweit vom Aussterben bedrohte Brutvogelarten gehören zu den Charakterarten des Gebietes, nämlich die Wasservogelarten Knäkente, Schwarzhalstaucher und Zwergrohrdommel, die Wiesenbrüterarten Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Bekassine, Wachtelkönig und Tüpfelsumpfhuhn sowie der in Verlandungszonen lebende Schilfrohrsänger.

 

 

Schwarzhalstaucher, Schwarzkopfmöwe und Uferschnepfe

Etwa die Hälfte aller Schwarzhalstaucher Bayerns brüten am Großen Rötelsee. - Foto: Dieter Renner
Etwa die Hälfte aller Schwarzhalstaucher Bayerns brüten am Großen Rötelsee. - Foto: Dieter Renner

 

Besonders hervorzuheben sind die überregional bedeutenden Vorkommen des Schwarzhalstauchers und der Schwarzkopfmöwe, die mit über 50 Brutpaaren bzw. 5-10 Brutpaaren die größten Brutvorkommen in Bayern am Großen Rötelseeweiher haben. Von der äußerst seltenen Uferschnepfe brüten 20% des bayerischen Bestandes in den Regenwiesen zwischen Cham und Untertraubenbach und für den Schilfrohrsänger zählt das Regental mit rund 50 Brutpaaren zu den wichtigsten Brutplätzen in Bayern. Vom weltweit bedrohten Wachtelkönig halten sich bis zu 5% des bayerischen Bestandes in den Wiesen zwischen Cham und Pösing auf. Daneben brüten 3% der bayerischen Kiebitze und 5% der bayerischen Tüpfelsumpfhühner im Regental.

 

 

Neu als Brutvögel: Stelzenläufer und Chileflamingo

Erste erfolgreiche Brut von Stelzenläufern - Foto: Dieter Renner
Erste erfolgreiche Brut von Stelzenläufern - Foto: Dieter Renner

 

Nach einem ersten Brutversuch im Jahr 2003, der leider wegen eines Gewitterregens erfolglos blieb, gelang 2014 der Nachweis einer erfolgreichen Brut eines Stelzenläuferpaars am Großen Rötelsee. Sensationelles ereignete sich dann 2015, als ein Chileflamingopaar erstmals in Bayern für Nachwuchs sorgte.

Lesen Sie dazu unseren ausführlichen Bericht!

Besondere Bedeutung als Rast- und Durchzugsgebiet

 

 Neben der hohen Bedeutung als Rückzugsgebiet für seltene Brutvögel spielt das Regental eine Schlüsselrolle als Rast- und Durchzugsgebiet für Zugvögel in Ostbayern. So legen zum Beispiel vom nordischen Goldregenpfeifer bis zu 600 Vögel im Frühjahr einen Zwischenstopp ein (einer der wichtigsten Frühjahrsrastplätze in Bayern).

Die Zahl der durchziehenden und rastenden Silberreiher erreicht in manchen Jahren bis zu 250 Vögel.

Im Winter halten sich bis zu 150 Blässgänse und bis zu 200 Schellenten im Gebiet auf.

Auf den Schlammflächen der Rötelseeweiher suchen im Spätsommer und Herbst Hunderte von nordischen Limikolen (Watvögel) nach Nahrung. In der Fachwelt sind die Rötelseeweiher als einer der wichtigsten Rastplätze für nordeuropäische Limikolenarten in Bayern bekannt.

Die außergewöhnliche Funktion als "Trittstein" während des Vogelzuges wird auch durch die hohen Durchzugszahlen bei vielen Singvogelarten dokumentiert. Zu den Zughöhepunkten nutzen bis zu 120.000 Stare und 20.000 Rauchschwalben das Gebiet als Übernachtungsplatz.

Mitunter treten auch sehr weit gereiste Gäste, wie der in der sibirischen und kanadischen Tundra lebende Graubruststrandläufer oder der in den asiatischen Steppen beheimatete Steppenkiebitz, auf. 2009 kam als neues Highlight der Nachweis eines Terekwasserläufers, einer Vogelart der nordrussischen Taiga, hinzu. Von dieser Vogelart gab es bisher keine mit Fotos dokumentierte Beobachtung aus Bayern.

2010 folgte mit dem Braunen Sichler eine weitere sehr spektakuläre und charismatische Art. Der Vogel stammte aus einer Brutkolonie im südfranzösischen Rhonedelta. 2013 folgten als weitere Raritäten das arktische Thorshühnchen und der südosteuropäische Würgfalke und 2014 die Traumart vieler Ornithologen, der Triel.

Insgesamt nutzen 75% der bayerischen Rote-Liste-Arten regelmäßig das Regental und die Rötelseeweiher als Brut-, Durchzugs- bzw. Überwinterungsgebiet.

 

 

 

Ein seltener Gast am Rötelsee: der Braune Sichler - Foto: Dieter Renner
Ein seltener Gast am Rötelsee: der Braune Sichler - Foto: Dieter Renner
2014 erstmals gesichtet: der Triel - Foto: Dieter Renner
2014 erstmals gesichtet: der Triel - Foto: Dieter Renner

 

Wegen seiner überregionalen Bedeutung als Lebensraum für zahlreiche stark gefährdete Arten wurde das Regental im Jahr 2000 als Europäisches Vogelschutzgebiet und Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH) in die Liste der europäischen Schutzgebiete (Natura 2000) aufgenommen. Im Januar 2010 erklärte die Regierung der Oberpfalz das Regental zwischen Cham und Pösing zum Naturschutzgebiet.

 

Bestandseinbruch bei den Wiesenbrütern

Ein Sorgenkind in der Regentalaue: der Kiebitz - Foto: Dieter Renner
Ein Sorgenkind in der Regentalaue: der Kiebitz - Foto: Dieter Renner

 

Während sich die Wasservogelbestände durch die Naturschutz orientierte Bewirtschaftung der Rötelseeweiher in einem stabilen Rahmen bewegen, läuten bei den Wiesenvogelarten Großer Brachvogel, Uferschnepfe und Kiebitz die Alarmglocken. In den letzten Jahren kam es bei den drei Charakterarten des Regentales zu einem dramatischen Bestandseinbruch. Besonders Besorgnis erregend ist der Rückgang beim Kiebitz. Der Brutbestand dieser Art fiel von 260 Brutpaaren Ende der 1970er Jahre auf 138 Brutpaare 2015. Im gleichen Zeitraum sank der Brutbestand der Uferschnepfe von 15 Brutpaaren auf 6 Brutpaare. Ungewiss sieht auch die Zukunft des Großen Brachvogels aus. Die "Flaggschiffart" der Regentalaue verlor in den letzten 15 Jahren die Hälfte des Bestandes und kommt momentan nur noch mit 11-12 Brutpaaren vor. Die Gründe für den Bestandsrückgang sind komplex und können jährlich und räumlich stark schwanken. Hauptverursacher für den Bestandseinbruch sind in erster Linie der stark angestiegene Freizeitdruck, die massive Zunahme einiger Beutegreiferarten, insbesondere des Fuchses, und die zunehmende Intensivierung der landwirtschaftlichen Bodennutzung. Trotz dieser negativen Bilanz zählt das Regental zwischen Cham und Pösing nach wie vor zu den zehn wichtigsten Wiesenbrüterlebensräumen in Bayern.

Forschung seit 1970

 

 Anfang der 1970er Jahre haben Mitarbeiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Ostbayern unter der Leitung von Peter Zach damit begonnen, das Gebiet systematisch zu erforschen und die Bestandsentwicklung ausgewählter und typischer Arten langfristig zu untersuchen. Zu seinem hoch motivierten und fachlich äußerst kompetentem Team gehören Alfons Fischer, Alois Stelzl und Jutta Vogl. Seither wird an über 50 Arten ein planmäßiges Brutvogel- und Rastvogelmonitoring durchgeführt. Woche für Woche werden Vögel gezählt, kartiert und die Daten in Protokollen festgehalten. Mittlerweile haben sich über dreihunderttausend Datensätze angesammelt.

Zu den untersuchten Vogelarten gehören unter anderem die Wasservogelarten Schwarzhalstaucher, Schnatter- und Knäkente, die Wiesenbrüterarten Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Kiebitz und Braunkehlchen, die Schilf- und Verlandungszonenbewohner Blaukehlchen, Schilf- und Drosselrohrsänger sowie zahlreiche als Durchzügler und Gäste auftretende Wasser- und Watvogelarten.

Im Jahr 1980 wurde das Langzeitprojekt um die beiden Amphibienarten Laub- und Moorfrosch und um die Pflanzenarten Wasserfeder, Arnika und Breitblättriges Knabenkraut erweitert. Das Regental gehört hinsichtlich der Vögel und Amphibien zu den am besten untersuchten Gebieten in Bayern.

 

 

Förderprojekt des Bundes

300 Jahre alt: die Eichenallee am Angerweiher - Foto: Dieter Renner
300 Jahre alt: die Eichenallee am Angerweiher - Foto: Dieter Renner

 

Das Rötelseeweihergebiet und die Regentalaue zwischen Cham und Pösing wurden 1989 in das Förderprogramm des Bundes zur "Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" aufgenommen. Die Trägerschaft für das Naturschutzgroßvorhaben übernahm der Landkreis Cham. Die Projektlaufzeit mit Grunderwerb und Durchführung Biotop lenkender Maßnahmen dauerte ursprünglich von 1989 bis 1998 und wurde 2001 wegen der hohen Bedeutung um weitere drei Jahre bis Ende 2003 verlängert. Seit 1990 hat der Landkreis Cham und der Freistaat Bayern knapp 450 ha Wiesen, Weiher und Äcker für Naturschutzzwecke erworben, darunter die besonders wertvollen Rötelseeweiher sowie zahlreiche Biotop verbessernde Maßnahmen durchgeführt. Weitere 50 ha besitzen der Landesbund für Vogelschutz und der Bund Naturschutz. Für die Realisierung des Projektes standen 10 Mio. Euro zur Verfügung, die zu 75% vom Bund, zu 15% vom Freistaat Bayern und zu 10% vom Landkreis Cham getragen wurden. In 2009 stellte der Freistaat Bayern im Rahmen der Ausweisung der Regentalaue zum Naturschutzgebiet eine weitere Million Euro zum Ankauf von Flächen bereit.

 

Ziel des Naturschutzprojektes ist die Erhaltung einer naturnahen Fluss-, Auen- und Weiherlandschaft, die Verbesserung der Lebensbedingungen für die im Gebiet vorkommenden Tier- und Pflanzenarten sowie die Sicherung der biologischen Vielfalt. Das Naturschutzprojekt Regentalaue ist in der Zwischenzeit ein Vorzeigeprojekt für eine konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landwirtschaft.

 

 

Bericht: Peter Zach

Ehrenamtlicher Gebietsbetreuer NSG Regentalaue

© Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.
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