Weidehaltung – ein Schlüssel zum Schutz unserer Pflanzen- und Tierwelt?!

Pflanzen und Tiere lieben die Tierweide - Ein erstaunliches Statement bei der LBV Vortragsveranstaltung

Bevor sich Karl-Heinz Schindlatz der LBV-Kreisvorsitzende beim Referenten bedankte, hatten die Besucher des Vortrags im LBV-Zentrum Mensch und Natur noch viele Fragen zum Thema

Bild: LBV

Gemeine Zwenkenzirpe Adarrus multinotatus, eine der vielen unscheinbaren Insekten (Zikaden) Arten, die viel über die Qualität von Weideflächen aussagen können.

 

Bild: Ingrid Altmann


Sind durch Maschinen gepflegte, selbst ohne Düngung bewirtschaftete und nur zweimal gemähte Wiesen Irrläufer im Naturschutz? Tragen sie nur marginal für die dauerhafte Vielfalt an Pflanzen und Tieren bei? Müssen alte Wege überdacht werden im Naturschutz? Gibt es einen Weg, der mehr Potential für unsere Natur besitzt?

 

Diese Fragestellungen untermauerte der renommierte Doktor der Biologie und auf Weideflächen spezialisierte Entomologe (Insektenkundler) Dr. Herbert Nickel mit einem deutlichen Ja. Jahrelange vergleichende Untersuchungen nach wissenschaftlichem Standard haben dokumentiert, dass naturnahe Beweidung die höchsten Ergebnisse im Hinblick auf den Erhalt und die Förderung unserer Artenvielfalt bietet.

 

Basierend auf der Co-Evolution unserer Pflanzen, der Insekten und kleinen Wirbeltiere mit den großen Pflanzenfressern, die weltweit die Landschaften gestaltet haben, untermauerte der Experte für naturnahe Beweidung seine Ergebnisse. Sowohl in den Savannen Afrikas mit ihren natürlichen Vorkommen an großen Pflanzenfressern oder auf den Weiden in Rumänien, wo es noch sehr extensive Viehweiden gibt, spiegeln sich seine Forschungsergebnisse wider. Vor allem Rinder und Pferde sorgen bei sehr extensivem Besatz je nach gezählter Insektenart für ein Plus im Größenwert von Faktor 20. Als der Spezialist für Zikaden in Deutschland stellte Dr. Nickel im Vortrag seine vergleichenden Kartierungsergebnisse vor. Fanden sich auf intensiv bewirtschafteten Wiesen keine Tiere mehr, auf extensiv bewirtschafteten Wiesen 10-15 Arten, so waren es auf naturnahen Weiden bis zu 200 Arten pro Quadratmeter. Selbst auf den so forcierten Blühstreifen finden sich oft nur 0 bis 8 Arten, darunter 0 bis 4 Arten die nur als „Einflieger“ gelten, also Tiere, die sich hier nicht fortpflanzen. Blühstreifen, die alle Jahre gemäht und neu eingesät werden, zeigen nur optische Wirkung auf die Artenvielfalt, ihr Gewinn für die Biodiversität ist nur sehr gering.

 

Maschinen sorgen für eine Angleichung aller Wiesen: eingeebnet, monoton und von heute auf Morgen wird durch die Mahd fast das ganze Leben in all seinen Entwicklungsformen getötet. Kein Vergleich zu den vielfältigen ökologischen Nischen, die durch eine naturnahe Ganzjahresbeweidung geschaffen werden. Der Referent Dr. Nickel verwies mehrmals darauf, dass die Besatzzahl elementar ist. Konventionelle Weiden sind in der Regel überweidet und nur mit Futter von außen wirtschaftlich nutzbar. Selbst staatliche Beweidungsprogramme fördern die Biodiversität hier nicht. Es müsste ein neues Programm etabliert werden, dass Biodiversität als Ziel hat und nicht den Gewinn an Fleisch oder Milchproduktion. Bereits 5% der Landesfläche in naturnaher Beweidung würden genügen, um eine Kehrtwendung im Artenschwund zu erreichen.

Markus Schmidberger